5. – 7. Juli 2026 | Berlin, Deutschland
Der interreligiöse Dialog hat einen Großteil seiner Legitimität auf einem unhinterfragten Syllogismus aufgebaut: dass Kontakt Verständnis schafft, Verständnis Vertrauen schafft und Vertrauen schließlich Frieden hervorbringt. Diese Abfolge bricht in der Praxis zusammen. Die theologische Einordnung des Krieges in der Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche, der Zusammenbruch der Dialogräume nach dem 7. Oktober und der darauf folgende Krieg im Gazastreifen sowie das Aufkommen von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus in ganz Europa haben offenbart, wie leicht Begegnungen mit anhaltendem Unrecht koexistieren oder diesem sogar Deckung bieten können. Rafael Tyszblat von unserer Partnerorganisation Connecting Actions erklärte: „Die zu frühe Suche nach Gemeinsamkeiten ist oft das Ergebnis mangelnder Ehrlichkeit, wenn es um Machtverhältnisse geht. Frieden lässt sich nicht allein durch gute Absichten erreichen.“ Was benötigt wird, ist kein weiteres Format, sondern die Bereitschaft zu hinterfragen, wem ein bestimmter Raum der Begegnung tatsächlich dient.

Dieses Problem wurde am eindringlichsten von Hauptredner Prof. Cyril Hovorun beleuchtet, der im Dezember 2023 vom Moskauer Patriarchat wegen seines Widerstands gegen den Krieg aus dem Priesteramt entlassen worden war. Er argumentierte, dass die russisch-orthodoxe Kirche die Invasion nicht nur nicht verhindert habe – sie habe diesem Krieg sogar eine theologische Grundlage geliefert.

Der Workshop ging anschließend zu einer umfassenderen Hinterfragung der Prämissen dieses Forschungsfeldes über. Er verortete den Dialog in seinem zeitgenössischen europäischen Kontext – voranschreitende Säkularisierung, wachsende religiöse Vielfalt durch Migration und ein wiederauflebender christlicher Nationalismus, der die Gefahr birgt, die religiöse Zugehörigkeit selbst zu instrumentalisieren. Anschließend wandte er sich konzeptionelleren Bereichen zu und untersuchte, wie trans- und posthumanistisches Denken die grundlegende Annahme des Dialogs ins Wanken bringt, dass es ein stabiles menschliches Subjekt gebe, das in der Lage sei, für eine Position zu sprechen – eine Annahme, die bereits durch KI und algorithmische Systeme unter Druck gerät. Theoretische Reflexion ging Hand in Hand mit praktischem Engagement, darunter die Vorstellung einer mehrsprachigen, gemeinschaftsübergreifenden Zeitschrift, die als Modell für einen Dialog präsentiert wurde, der eher als fortlaufender Prozess denn als einmaliges Ereignis verstanden wird. In strukturierten Gruppensitzungen kehrte man immer wieder zu vier Fragen zurück: Was ist Dialog, was hat funktioniert, wo ist er gescheitert und wer fehlt noch darin?

Jo Frank, Direktor von DialoguePerspectives e.V., dehnte diese Auseinandersetzung auf die Praxis des Netzwerks selbst aus und argumentierte, dass ein Bereich, der sich nur ungern selbst hinterfragt, zumindest einen Raum benötigt, der darauf besteht, dies dennoch zu tun. Ungeklärt blieb jedoch, wer bestimmt, wann ein Raum für solche Hinterfragungen ausreichend sicher ist, und wessen schwierige Themen benannt werden, während andere stillschweigend zurückgestellt werden.
Die Verantwortung für diese Arbeit liegt nun bei den Teilnehmer*innen des Future 500-Netzwerks selbst, die die Aufgabe haben, die im Workshop erfolgte Benennung von Macht in eine dauerhafte Praxis umzusetzen – den Dialog neu zu definieren und neu zu gestalten, die als abwesend identifizierten Vermittler*innen, Expert*innen und Gemeinschaften einzubeziehen und Formate aufzugeben, die diese Bezeichnung nicht mehr verdienen. Diese Auseinandersetzung wird im Herbst beim Future 500 Autumn Workshop „Religion as a Weapon Violence and the Challenge of Solidarity“ (13.–15. Oktober 2026, London, in Zusammenarbeit mit EPNA) fortgesetzt.

Fotos: Natalia Reich