CPPD | 1. Europäischer Kongress »Memory Matters« | St. Pölten

Am 1. & 2. Juni 2024 fand die Konferenz „Erinnerungsbedarf. Konferenz zum pluralen Erinnern in Migrationsgesellschaften“ in St. Pölten in Österreich statt, der erste europäische Kongress der Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD) in Kooperation mit der Tangente St. Pölten – Festival für Gegenwartskultur und dem Institut für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST). Muhammet Ali Baş aus dem CPPD-Netzwerk kuratierte die Konferenz.

Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen aus verschiedensten Communities diskutierten in Panels, Workshops und weiteren Formaten im Rahmen des Leitthemas »Memory Matters« zu Fragestellungen des kulturellen und politischen Gedenkens an rassistisch und antisemitisch motivierte Gewaltereignisse.

Anlässlich der Konferenz wurde am 1. Juni das Dynamic Memory Lab zum Thema „Codes of Memory in Sinti*- und Roma*-Communities“ auf dem Rathausplatz in St. Pölten gemeinsam mit dem Architekten Jan Bodenstein und dem Kuratur Hamze Bytyçi feierlich eröffnet. Die von Hamze Bytyçi kuratierte Ausstellung wurde durch regionale Perspektiven zu Roma* und Sinti* sowie Jenischen in Österreich aktualisiert und erweitert.

Über 40 erinnerungspolitische Akteur*innen und Mitglieder der CPPD aus 12 europäischen Ländern kamen im Rahmen der Konferenz zu einem Netzwerktreffen zusammen, um über unterschiedliche Erinnerungsbedarfe auf europäischer Ebene zu diskutieren sowie Ziele und nächste Schritte für die gemeinsame Arbeit festzulegen. Das Netzwerktreffen wurde von Vatan Ukaj moderiert.

CPPD-Kurator Max Czollek stellte in seiner Keynote Thesen zur Erinnerungskultur auf, die aktuelle erinnerungspolitische Herausforderungen durch die Instrumentalisierung von Erinnerung im Zuge des europaweit zunehmend stärker werdenden Rechtsrucks reflektierten. In der Podiumsdiskussion „Wessen Erinnerung fehlt, und wer kämpft für ihre Sichtbarmachung?“ sprach die Theaterwissenschaftlerin Darija Davidovic gemeinsam mit dem Lyriker und Journalisten Samuel Mago, der Pädagogin und Aktivistin Ayşe Güleç und dem Bildenden Künstler Philipp Gufler über Wege zu einer demokratischen Erinnerungskultur.

Am 2. Juni führte zunächst die Künstlerin Nina Prader einen Zine-Workshop durch, in der die Funktion von Zines als erinnerungspolitisches und gemeinschaftsbildendes Tool im partizipativen Prozess der Zine-Gestaltung im Zentrum standen. Der Architekt Jan Bodenstein sowie die postkoloniale Stadtforscherin Noa K. Ha führten die Teilnehmer*innen in einem Workshop zu Stadtgeschichte und Erinnerung in die Bedeutung und Notwendigkeit plural konzipierter Erinnerungsarchitekturen ein.

Auf dem anschließenden Podium diskutierten die Sozialpädagogin Eşim Karakuyu und Prof. Dr. Frederek Musall, Vorsitzender von DialoguePerpectives e.V, beide aus dem CPPD-Netzwerk, sowie der Vorsitzende der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus Derviş Hızarcı und die Künstlerin Sheri Avraham unter dem Titel „Es ist Zeit – lasst uns reden! Erinnerung bedarf Gespräch“ über die komplexen Herausforderungen und Polarisierungen in Deutschland und Österreich nach dem 7. Oktober/Krieg in Gaza. Das Panel wurde von Max Czollek moderiert.

 

 

 

Fotocredit: Felix Kubitza

 

Learnings

Die Dringlichkeit, Erinnerungskulturen im europäischen Kontext zu entwickeln, war ein zentrales Thema der Konferenz „Erinnerungsbedarf. Konferenz zum pluralen Erinnern in Migrationsgesellschaften“. Eine der Hauptthesen dieser Konferenz war die Wichtigkeit der Förderung von Diversität und Inklusion. Plurale Erinnerungskulturen sind unerlässlich, um die vielfältigen Erfahrungen und Geschichten unterschiedlicher Communities in Europa anzuerkennen und sichtbar zu machen.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Notwendigkeit, das Vergessen zu verhindern. Diese Arbeit ist entscheidend, um aus der Vergangenheit zu lernen und ähnliche Fehler in der Zukunft zu vermeiden. In Anbetracht des zunehmenden Rechtsrucks in Europa ist es zudem wichtig, Erinnerungskulturen zu schaffen, die der Instrumentalisierung von Erinnerungen durch rechtspopulistische Bewegungen entgegenwirken. Plurale Erinnerungskulturen stärken die Werte der Demokratie und die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber autoritären und diskriminierenden Tendenzen. Eine plurale, demokratische Erinnerungskultur, die auf Teilhabe und Mitbestimmung setzt, fördert eine aktive Bürgerschaft und trägt zur politischen Bildung bei.

Die Entwicklung plural konzipierter Erinnerungsarchitekturen in städtischen Räumen ist ebenfalls notwendig, um Orte des Gedenkens und der Reflexion zu schaffen, die die Vielfalt und die komplexen Geschichten der Stadtbewohner*innen widerspiegeln. In Workshops zur Stadtgeschichte und Erinnerung wurde die Bedeutung dieser architektonischen Konzepte betont. Darüber hinaus können künstlerische und kreative Ansätze, wie Zine-Workshops und Ausstellungen, neue Zugänge und Ausdrucksformen für kollektives und individuelles Erinnern eröffnen und so die Partizipation breiter Bevölkerungsgruppen fördern.

Erinnerungskulturen haben auch in laufenden Konflikten und Kriegen eine besondere Bedeutung. Die Art und Weise, wie wir aktuelle Ereignisse darstellen, welche Interpretationen wir vornehmen und welche Positionen wir beziehen, beeinflusst unser kollektives Gedächtnis und die Art, wie wir Geschichte erinnern. Angesichts von Leid und Trauer ist es insbesondere eine Perspektive der Empathie und Solidarität, die in Erinnerungskulturen widergespiegelt wird. Plurale Erinnerungskulturen können dadurch auch in der Gegenwart gegen Polarisierungen wirken.

Ein besonderes Highlight der Konferenz war das Dynamic Memory Lab, das diese Erkenntnisse aufgreift und weiterentwickelt. Es verdeutlicht, wie vielfältige Perspektiven und Ansätze in der Erinnerungsarbeit integriert werden können, um eine umfassende und inklusive Erinnerungskultur zu schaffen.

 

 

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